Kosten von MSD

Autor



DI Klaus Wittig
AUVA – HUB
hub@auva.at

Muskel-Skelett-Erkrankungen spielen in der Krankenstandsstatistik[3] eine wesentliche Rolle: 20,7 % aller Krankenstandstage sind der Krankheitsgruppe „Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes“ zuzurechnen, die damit die schwerwiegendste Krankheitsgruppe darstellt. Bei den neu zuerkannten Invaliditäts- und Erwerbsunfähigkeitspensionen ist dieser Anteil noch höher: Er liegt mit rd. 34  % bei über einem Drittel! Rund 60 % davon sind Rückenerkrankungen.

Jede dieser Erkrankungen ist mit einem persönlichen Schicksal, mit Schmerz und Leid verbunden, und soll nicht auf ein paar dürre statistische Zahlen reduziert werden.

Trotzdem liegt die Frage nahe, welche Kosten durch diese knapp 7,3 Millionen Krankenstandstage und rund 156.000 Erwerbsunfähigkeitspensionen Jahr für Jahr entstehen.

Daran ist auch die Frage zu knüpfen, wer diese Kosten zu tragen hat, und welche Kostenarten zu subsumieren sind.

Aus dem Krankenstand ergeben sich nicht nur Kosten für den Betrieb, etwa durch Entgeltfortzahlung oder infolge von Produktionsausfall. Auch die Betroffenen selbst haben einen Teil der Kosten zu tragen, etwa über den Kostenbeitrag zur medizinischen Behandlung oder durch krankheitsbedingte Einkommensverluste oder infolge etwaiger Behinderungen. Nicht zuletzt haben Krankenstände immer auch wirtschaftliche Folgen auf gesellschaftlicher Ebene, z.B. einen Teil der Kosten für Spitalsbetreuung, Rehabilitation oder Invaliditätspensionen.

Ganz allgemein kann man direkte und indirekte Kosten unterscheiden, wobei für direkte Kosten unmittelbar Zahlungen bzw. Aufwendungen anfallen (z.B. Behandlungskosten). Indirekte Kosten quantifizieren und bewerten den Produktionsausfall, der aus den Fehlzeiten resultiert.

Die unten stehende Tabelle, die dem „Fehlzeitenreport 2007“ [2]entnommen ist, ist eine systematische Darstellung der Kosten- bzw. Ausgabenkomponenten, die infolge von Erkrankungen auftreten können.

Die Klassifizierungen der Tabelle gelten naturgemäß für alle denkbaren Erkrankungen und Unfälle, nicht nur für Muskel- und Skeletterkrankungen.

Im „Fehlzeitenreport 2007“ wurden für einige der angegebenen Kostenkomponenten Berechnungen bzw. qualifizierte Abschätzungen gemacht. Diese liefern als Ergebnisse Zahlen für die österreichweiten, jährlichen Gesamtkosten unabhängig von der Diagnose bzw. Krankheitsgruppe.

Es ist nicht für alle Kostenkomponenten gleich gut möglich, sie über die Zahl der Krankenstandstage auf einzelne Krankheitsgruppen aufzuteilen. So ist etwa die Entgeltfortzahlung in einem weiten Bereich direkt proportional der Zahl der Krankenstandstage, d.h. die Annahme, dass rund 20,7 % der gesamtösterreichischen Entgeltfortzahlungskosten den MSD zuzurechnen sind, wird einen guten Näherungswert liefern, da – wie eingangs festgestellt – 20,7 % aller Krankenstandstage durch MSD verursacht werden. Im Gegensatz dazu kann man (zumindest kurzfristig) nicht davon ausgehen, dass die Kosten für Invaliditätspensionen durch die Zahl der Krankenstandstage beeinflusst werden.

Aus diesen Gründen sind die im Folgenden angegebenen Zahlenwerte zum Teil als grobe Schätzungen anzusehen und keinesfalls als exakte Berechnungsergebnisse. Sie können und sollen lediglich aufzeigen, in welchen Größenordnungen sich die Kosten von MSD in Österreich bewegen. Die Zahlen wurden dem „Fehlzeitenreport 2007“ (Bezugsjahr 2003 bzw. 2004) entnommen und mit dem eingangs erwähnten Prozentsatz von 20,7 multipliziert. Dort wo angegeben, wurden die Kosten für die Erwerbsbevölkerung in den Berechnungsansatz aufgenommen und nicht die Kosten für die Gesamtbevölkerung. Bei den Invaliditätspensionen sind nur Kosten für Pensionsempfänger berücksichtigt, die das Regelpensionsalter noch nicht erreicht haben. Die Ergebnisse sind in roter Schrift in die Tabelle eingetragen.

  Arbeitgeber Volkswirtschaft Arbeitnehmer

Direkte Kosten

Entgeltfortzahlung
€ 433,5 Mio.
€ 164,7 Mio.

 

Krankengeld,
€ 77,8 Mio.
€ 29,6 Mio.

Behandlungskosten inklusive Verwaltungskosten,
€ 790,6 Mio.
€ 300,4 Mio.

Rehabilitation

Unfallrente

Beitrag zu den Behandlungskosten
€ 355,7 Mio.
€ 135 Mio.

Indirekte Kosten

„Non-wage-costs“:
Produktionsausfälle

Neuaufnahmen, Überstunden der vorhandenen Belegschaft, Verwaltungsaufwand

längerfristige Schwächung des Potenzials für Produktivitätssteigerungen

Gesamtwirtschaftliche Opportunitätskosten – Produktivitätseffekt
ca. 620 bis 830 Mio. €
ca. 236 bis 315 Mio. € und Verminderung der Bruttowertschöpfung,

Dämpfung der Nachfrage infolge sinkender Kaufkraft,

Invaliditätspensionen
€ 273,2 Mio.
€ 103,8 Mio.

Verringerung der Erwerbsfähigkeit, damit verbunden Verringerung des Einkommens und der Konsummöglichkeiten

Entgangene Produktion im Haushalt

Tabelle 1 : Geschätzte Kosten bzw. Ausgaben aufgrund von Fehlzeiten und deren Komponenten, Quelle: WIFO; Man geht davon aus, dass 38 % (blaue Werte) auf arbeitsbedingte Muskel- und Skeletterkrankungen zurückgehen.

Auf Basis einer Studie, die vor einiger Zeit in Deutschland zum Thema „Kosten arbeitsbedingter Erkrankungen“ [3] angefertigt wurde, kann man davon ausgehen, dass mindestens 38% der MSD arbeitsbedingt sind. D.h. dass sie durch körperliche Belastungen bei der Arbeit ganz oder teilweise verursacht sind, oder in ihrem Krankheitsverlauf negativ beeinflusst werden.

Durch Multiplikation der zuvor abgeschätzten allgemeinen Kosten (rote Zahlenwerte) mit diesem Prozentsatz können somit die Kosten für die arbeitsbedingten MSD überschlägig ermittelt werden (blaue Zahlen in der Tabelle).

Zusammenfassend kann man sagen, dass in Österreich relativ wenig abgesichertes Zahlenmaterial zu dieser speziellen Fragenstellung vorliegt. Auf Basis des „Fehlzeitenreport 2007“ sind jedoch zumindest angenäherte Abschätzungen für einige wichtige Kostenkomponenten möglich. Diese sind in der Lage die monetären Dimensionen des Problemkreises MSD zu umreißen.

Literatur:

1 Statistisches Handbuch der österreichischen Sozialversicherung 2006 (Tab. 2.22, Zahl der Krankenstandsfälle und –tage nach Krankheitsgruppen im Jahre 2005)

2 Leoni, T. et. al: Fehlzeitenreport 2007, Krankheits- und unfallbedingte Fehlzeiten in Österreich, WIFO, Wien 2007

3 Bödeker, W. et. al.: Kosten arbeitsbedingter Erkrankungen. Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Forschungsbericht Fb 946, 2. Auflage, Wirtschaftsverlag NW, Dortmund/Berlin 2002