Tipps aus der Praxis für die Praxis

Autor



Dr. Paul Scheibenpflug Betriebliche Gesundheitsförderung und Bewegungsergonomie
paul@scheibenpflug.at

Der Lebensmittelhandel ist zum einen durch hohen Wettbewerb und Kostensensibilität, zum anderen durch recht hohe Fluktuation gekennzeichnet . Im Auftrag der Wiener Gebietskrankenkasse, der Wirtschaftskammer Österreich, der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt wurde das Projekt „Gesundes Lebensmittel“ durchgeführt. Wie sich dabei gezeigt hat, sind die Mitarbeiter/innen in dieser Branche teilweise erheblichen Belastungen des Bewegungs- und Stützapparats ausgesetzt.

Während die Beschäftigten hinter den Bedientheken eine Stehende Tätigkeit ausüben, ist das Arbeiten an der Kassa wiederum mit langem Sitzen verbunden und mit der händischen Manipulation von Lasten. Beim Einschlichten der Regale müssen oft belastende Körperhaltungen eingenommen werden wie Beugen, Knien, Strecken oder auch teilweise Überkopf einschlichten.

Nicht nur die hohen Kosten durch Ausfälle (1/3 aller Krankenstandstage, Fluktuation) sondern auch personelle Unterbesetzungen sind unliebsame Folgen, die vorausschauende Führungskräfte bewogen hat, Personalressourcen zu schaffen und zu schützen.

Um diesen Belastungen entgegenzuwirken sollte an verschiedenen Punkten angesetzt werden wie bei der Gestaltung von Arbeitplätzen, bei der Arbeitsorganisation, bei der Anschaffung geeigneter Arbeitsmittel aber auch bei der Bewegungsergonomie.

Bewegungsergonomie

Aufbauend auf den Anliegen der allgemeinen Ergonomie beschäftigt sich die Bewegungsergonomie mit menschlichen Körperhaltungen, Bewegungsabläufen und ergonomischen Maßnahmen unter besonderer Berücksichtung folgender vier Ebenen:

  • Bewegungsqualität
  • Regeneration
  • Erweiterung, Verfeinerung des Bewegungsrepertoires
  • Arbeitsplatz-, Arbeitsumgebungsgestaltung und Arbeitsorganisation

Bewegungsqualität

Hinter dem Begriff der Bewegungsqualität steht der Gedanke, dass Arbeitshaltungen und Bewegungsabläufe den Bewegungs- und Stützapparat entlasten sollten. Eine Bewegung ist dann „richtig“, wenn sie möglichst gelenksschonend erfolgt. Dies gelingt am besten, wenn die Gelenke in einer Gelenksmittelstellung unter Vermeidung langer Hebel belastet werden .

Beispiele

Regeneration

Auf lange Sicht und bei oftmaliger Wiederholung wirken auch „richtige“ Bewegungen belastend. Eine Erleichterung bietet die Aufteilung der Belastungen auf möglichst viele Gelenke und Muskeln. Dazu gibt es zwei Ansatzpunkte

  • Belastungswechsel durch Arbeitsweisen, die Belastungen auf verschiedene Gelenke verteilen, z.B. durch Haltungswechsel
  • Regenerationsmaßnahmen auf psycho-physischer Ebene, wie z.B. kompensatorische Bewegungsprogramme, oder Tätigkeitswechsel zur Erhaltung der Aufmerksamkeit

Beispiele

Erweiterung, Verfeinerung des Bewegungsrepertoires

  • Verbesserung der Koordinationsfähigkeit
  • Pools an Handlungsalternativen in Krisensituationen

Arbeitsplatz-, Arbeitsumgebungsgestaltung und Arbeitsorganisation

Beispiel

Arbeitsorganisation (Handlungsspielraum)

Beispiel

Die Qualifikation an die Arbeit wird im optimalen Fall durch eine entsprechende Bewegungssozialisation gewährleistet und ist ein lebensbegleitender Prozeß.

Gut vorbereitet

Oft werden schon bei Arbeitsbeginn körperliche Höchstleistungen gefordert. Um den Körper auf diese Belastungen vorzubereiten, ist es sinnvoll eine Schutzspannung in den Muskeln aufzubauen

Schutzspannung aufbauen

Wann

Vor körperlich anstrengenden Tätigkeiten

Wie

Zu zweit jeweils mit einer Hand nach oben und mit der anderen runter drücken

Warum

  • Schutzspannung um die Handgelenke aufbauen
  • Kräftigung der Arm- und Rumpfmuskulatur


Faustturm, Projektleiter Dr.Paul Scheibenpflug und ein Sparlehrling

Rückenfreundliches heben


Problem:

  • Ungleiche (Scher)belastung im Lendenwirbelsäulenbereich beim Heben mit gestreckten Beinen
  • Tiefe Greifhöhe zwingt entweder zu starker Kniebeugung und/oder zu runder Rückenhaltung.
  • Subjektiv empfundener Zeitdruck.

Hintergrund:

Ad 1
Bei Hebevorgängen sollte die Wirbelsäule in einer Gelenksmittelstellung gehalten werden und die Kraft (der Beine) lediglich übertragen.

Ad 2
Dem Matthäus-Effekt folgend (wer hat, dem wird gegeben) setzen nur jene Personen die Beine beim Heben automatisch ein, die auch über ausreichend Kraft verfügen. Wer zu schwach ist, schont die Beine. Diese erhalten daher weniger Trainingsreize, werden noch schwächer, usw…

Ad 3
Bei zahlreichen Meßvorgängen kam immer wieder heraus: man braucht für körpergerechtes Heben nicht zeitkritisch länger wie für „falsches“ Heben. Subjektiv erlebt man das „richtige“ Heben als wesentlich länger, wenn man die Bewegung nicht gewohnt ist und diese noch nicht automatisiert hat.

Daher die gute Nachricht für alle, die regelmäßig heben müssen: richtiges Heben kann nach ca. 150 bis 250 Hebevorgängen automatisiert werden. Sie haben in der Arbeit genügend Trainingsmöglichkeit und es zahlt sich aus !!!

Lösungen

Ad 1
  • Möglichst körpernah zur Last
  • Fußspitzen in Heberichtung
    • Hintergrund: Drehbewegung bei der Bückbewegung vermeiden
  • Bewegung aus dem Becken einleiten
    • Hintergrund: nur so kann der Rumpf seiner vornehmlichen Kraftübertragungsaufgabe gerecht werden
  • Knie nicht über Fußspitzen
  • Knie nicht mehr als 90° abwinkeln
    • Hintergrund (für beide Punkte): Entlastung der Knie: Knieprobleme verführen zu falscher Hebetechnik (Schonhaltung der Knie auf Kosten des Rückens)
  • Brustbein hochziehen
    • Hintergrund: unterstützt die Stabilisierung im Rumpf
Ad 2
  • Alles, was tiefer als 40 cm Griffhöhe liegt, liegt falsch !!
  • Bei tiefem Einschlichten siehe dort ! in die Knie gehen.

Ad 3
Zur Illustration: Mitarbeiterschulung mit Zeitstoppung

Tiefe Regale beschlichten


Problem

Kniebelastung, Drehbewegungen, tiefes Beugen in Rundrückenhaltung

Lösung

Knieschutz verwenden. Im Prinzip reicht ein Styroporstück in der Größe eines kleinen Tellers.

Hintergrund

Viele Personen versuchen einer schmerzhaften Druckstelle im rechtwinkeligem Kniestand auszuweichen, indem sie sich auf die Ferse setzen. Dabei wird das Kniegelenk im Inneren viel mehr belastet. Die daraus resultierenden Abnutzungen werden allerdings erst viel später schmerzwirksam.

Davon abgesehen nimmt man auf der Ferse sitzend eine weit rundere Rückenhaltung ein und ist oft gezwungen körperferner (längerer Hebel) zu arbeiten.

Lösung:

  • Einbeiniger Kniestand. Im rechten Winkel unter Einsatz eines Knieschutzes (siehe oben), der auch gegen den harten und meist kalten Boden isoliert.
  • Erleichterung für den Rücken: Ellbogen auf Oberschenkel abstützen,
  • möglichst nah zur Ablagefläche, daher die Position parallel zum Regal
  • vorderes Bein steht weiter weg, sonst zusätzliche Scherbelastung im Rücken
  • Seite wechseln und dadurch Belastungen auf viele Muskeln und Gelenke verteilen.

Kisten heben
DSCN2026


Problem:

Belastung der Handgelenke beim Heben von Lasten

Hintergrund:

mit der Handwurzel nach oben neigt man dazu, in den Bändern zu hängen, Fingerbeuger werden gedehnt und müssen gleichzeitig anspannen. Diese Unnützbelastungen begünstigen u.a. Sehnenscheidenentzündungen !

Lösung: Bewegungsqualität

  • Handrücken nach oben halten und das Handgelenk in einer Gelenksmittelstellung halten.
  • Geringere Belastung auf das Gelenk und die Sehnen.

Kisten heben (über Kopf)


Problem:

Belastung der Handgelenke beim Heben von Lasten über Schulterhöhe

Hintergrund:

Konventionelle Griffhaltung für Hebevorgänge auf mehr als Brusthöhe ungeeignet, da die Handgelenke nicht in Mittelstellung gehalten werden

Lösung (Bewegungsqualität)

  • Griffhaltung wechseln (siehe Bild), so daß Handgelenk in Mittelstellung gehalten werden kann
  • Körpernah arbeiten
  • Rumpf stabilisieren: Hebebewegung durch hochziehen der Brustbeines unterstützen, Schrittstellung mit Anspannung der Bauchmuskeln

Lösung (Belastungswechsel)

Je nach Hubhöhe andere Hebetechnik

Lösung (Arbeitsorganisation)

Beim Anheben vom Boden auf eine Höhe von drei Kisten oder mehr eine Zwischenabstellfläche (zwei Kisten) schaffen, um dort umgreifen zu können.

Lösung (Arbeitsmittel)

Nicht jede Kiste läßt sich gleich gut heben. Wünschenswert wäre, daß die Produzenten hier Standards entwickeln könnten (auch betreffend der Tragefreundlichkeit)

Haltungswechsel


Problem:

Häufige Bewegungswiederholungen belasten sowohl den aktiven (Muskulatur, Sehnen) wie auch den passiven Bewegungsapparat. Die Folge sind Muskeldysbalancen, Verspannungen, Reizzustände der Sehnen.

Lösung:

Seitenwechsel schafft Erholmöglichkeit für die beanspruchten Muskeln und Gelenke: Der Wechsel auf die andere Hand wirkt sich auf die gesamte Muskelschlinge (bis zu den Füßen) aus !

Weniger Ermüdung und Beschwerden durch abwechslungsreiches Arbeiten

Durch Handwechsel wird die Belastung auf möglichst viele Gelenke und Muskel aufgeteilt. Ob das beidseitige Arbeiten möglich ist oder nicht, wird im Einzelfall entschieden.

Körperfernes Arbeiten erleichtern


Problem

Körperfernes Arbeiten macht eine höhere Stabilisierungsarbeit der Rückenmuskeln nötig. Abhängig von der konditionellen Voraussetzung ist es dann um so mehr nötig, ganz bewußt den Rücken gerade zu halten.

Hintergrund

Im Idealfall sollte man eine Schrittstellung einnehmen und mit den Händen nicht weiter als die vordere Fußspitze greifen. Je weiter der Schwerpunkt nach vor verlagert werden kann, um so besser. Andernfalls ist man gezwungen das Becken nach hinten verlagern um die Schwerpunktverlagerung zu kompensieren. Dabei wird die Stabilisierung im Wirbelsäulenbereich aufgelöst….

Lösungen

Abgerundete Arbeitsflächen ermöglichen ein komfortables Anlehnen beim Vorgreifen

Hintergrund

so kann der Körperschwerpunkt weiter nach vor verlagert werden und der Rücken gerader gehalten werden.

Körperfernes Arbeiten vermeiden


Problem

Die Aktionsware „Spanische Schinkenkeule“ ist laut Plan genau hinter der Waage positioniert. Die Mitarbeiterin ist häufig gezwungen, diese mit einer Hand in Zwangshaltung (abgewinkeltes Handgelenk) heraus zu nehmen.

Lösungen:

  • Ist die Waage verschiebbar ? Wenn ja, darf sie verschoben werden ?
  • Haben die Mitarbeiter die Option (den Handlungsspielraum), die Ware anders zu lagern ?
  • Wird ihnen das von den Vorgesetzten auch so kommuniziert ?
  • Mit einem reagierenden Rückmeldesystem erhält die Planungsabteilung Informationen, wo Probleme auftreten bzw. was möglich ist.

Erholungspause für den Rücken


Problem

nach längeren Arbeiten in vorgebeugter Haltung bringt eine zusammengekauerte Sitzhaltung dem Kreuz keine Erholung.

Hintergrund

Abgesehen von der (weiterhin) ungleichen Belastung auf die Bandscheiben und die exzentrische Kraftwirkung auf die Rückenmuskulatur ist in dieser Haltung auch die Atmung eingeschränkt.

Lösung (Bewegungsqualität)

  • Die Sessellehne mit Gesäß runter rutschen: Dabei kommt man vor dem Sitzbein zu sitzen. In dieser Beckenstellung ist die Lendenwirbelsäule in einer physiologischeren Haltung.
  • Beim aufrechten Sitzen die Ellbogen auf Körpermitte oder sogar noch weiter zurück ziehen: dies unterstützt eine aufrechtere Sitzhaltung

Lösung (Arbeitsmittel)

Sitzgelegenheit mit rutschfestem Untergrund, eine Sesseltiefe, die ein „Sessellehne runter rutschen“ ermöglicht. Im Idealfall einen Sessel mit kippbarer Lehne.

Hintergrund

Sitzgelegenheit mit glattem Untergrund sind zwar leichter zu reinigen, dafür rutscht man beim Anlehnen automatisch in eine Rundrückenhaltung.